Dinge, die ich sicher weiß

(Things I Know To Be True)

von Andrew Bovell. Deutsch von Maria Harpner und Anatol Preissler   3D 3H 1Dek

U: 13.05.2016 Dunstan Playhouse, Adelaide; Presented by State Theatre Company, Frantic Assembly & Australian Gas Networks in association with Adelaide Festival Centre

Anders als in den früheren Stücken mit vielen Zeit- und Ortswechseln bleibt die Dramaturgie dieses Textes von Andrew Bovell fast geradlinig. Über vier Jahreszeiten hinweg begleitet man die Familie Price in Zeiten des Umbruchs. Doch es wäre kein Stück von Andrew Bovell, wenn es den Raum nicht viel größer spannte hin zu einem universalen Stück über komplexe Beziehungsstrukturen in Familien. Hier sitzt jedes Wort an der richtigen Stelle, und es wird kein Satz zu viel, aber auch kein Wort zu wenig gesagt, um „the nuclear family in all its glory and all its horror“ lebendig werden zu lassen, wie der Autor es in einem Interview einmal beschrieb. Ein ebenso poetisches wie schmerzhaft ehrliches Stück, das die starken wie fesselnden Verbindungen zwischen den Geschwistern, Eltern und Kindern sinn- und augenfällig macht.
Zu Beginn und am Ende dieses Schauspiels listet Rosie, die jüngste Tochter der sechsköpfigen Familie Price, ihre Liste der Dinge auf, die sie sicher weiß, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Und so lernen wir die Familie kennen, die Eltern Bob und Fran, die vier Kinder Ben, Mark, Pip und das Nesthäkchen Rosie. Schnell taucht man ein in das komplexe Familiengebilde, das eine sehr große Liebe ebenso zusammenhält wie auseinandertreibt. Jedes Kind sucht seinen eigenen Weg aus dem liebevollen Nest der Eltern, deren Garten lange Zeit die Welt für sie bedeutet hat. Dort fanden die wichtigsten, aber auch ganz banale Familienereignisse statt: gemeinsame Spiele und Grillparties, geheime Rückzüge, Ausgelassenheit, Trauer, die Hochzeit der ältesten Tochter Pip. Doch so groß die Liebe der Eltern ist, so erdrückend kann sie auch sein, so ungleich ist sie verteilt, wenn die Mutter die Söhne ebenso bevorzugt wie der Vater die Töchter, wenn sich Tochter Pip und ihre Mutter Fran zu ähnlich sind, die jüngere Frau die Chance auf ein neues Glück ergreift, die die Mutter vorbeiziehen ließ, um für ihre Kinder da zu sein. Die Kinder, die die Erwartungen ihrer Eltern, die hart für sie und ihre Ausbildung gearbeitet haben, kennen, aber ihren eigenen Weg suchen müssen. Rosie ist die Jüngste und noch nicht ganz flügge geworden. Nachdem ihr erster Versuch, sich abzunabeln und möglichst weit weg von Zuhause die Welt zu erkunden, an gebrochenem Herzen gescheitert ist, ist sie in den sicheren Familien-Hafen zurückgekehrt. Während sie noch Orientierung sucht, haben ihre Geschwister ihre Wege bereits beschritten, und bringen damit das Gleichgewicht der Familie immer wieder ins Schwanken. Und wie wird es um Frans und Bobs Ehe bestellt sein, wenn auch Rosie endgültig auszieht?
Andrew Bovells Stück zeigt eine Familie im Umbruch, reich an Emotionen und sehr genau beobachtet, dabei nicht sentimental, sondern mit liebevoller Sachlichkeit gezeichnet und von ausgesprochener Präzision, was dem Text eine umso größere Wirksamkeit verleiht. Er entwirft eine poetische und zugleich schmerzhaft ehrliche Studie über das komplexe Beziehungsgeflecht in Familien, ein wunderbares Stück über starke Bindungen, Liebe, Verlust, ungelebte und realisierte Träume, ja über den Lauf der Dinge, versinnbildlicht in der Folge der vier Jahreszeiten im Garten der Prices. Ein Stück, das an existenzielle Erfahrungen rührt, die wohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens macht, und sein Publikum somit unmittelbar erreicht und bewegt.

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