Hans Müller-Schlösser

Stadt und Dichter des »Schneider Wibbel«
»Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage, nach Hause gehn, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin.«Dieses innige Bekenntnis zur Stadt des Schneiders Wibbel stammt von Heinrich Heine, der 1797 dort zur Welt kam. Er hat es beiläufig in dem "Buch Le Grand" notiert, darin er von seiner Kindheit erzählt, von einem französischen Tambourmajor, von Napoleon und der Vertreibung des Kurfürsten durch die Besatzungstruppen. Gemeint ist nicht der große Jan Wellem, dessen Reiterstandbild, von Grupello 1711 vollendet, noch heute auf Düsseldorfs Markt steht, sondern einer seiner Nachfahren, der eines Tages, als die Franzosen einmarschierten - der kleine Harry Heine war eben neun Jahre alt-, das Weite suchte. Wie betrüblich die Flucht des Landesvaters empfunden wurde, hat Heine in seinen Erinnerungen festgehalten.»... in der ganzen Stadt war nichts als stumpfe Beklemmung", heißt es im sechsten Kapitel des "Buches Le Grand",« es war überall eine Art Begräbnisstimmung, und die Leute schlichen schweigend nach dem Martke und lasen den langen papiernen Anschlag auf der Türe des Rathauses. Es war ein trübes Wetter, und mehr anzeigen

Stadt und Dichter des »Schneider Wibbel«
»Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage, nach Hause gehn, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin.«Dieses innige Bekenntnis zur Stadt des Schneiders Wibbel stammt von Heinrich Heine, der 1797 dort zur Welt kam. Er hat es beiläufig in dem "Buch Le Grand" notiert, darin er von seiner Kindheit erzählt, von einem französischen Tambourmajor, von Napoleon und der Vertreibung des Kurfürsten durch die Besatzungstruppen. Gemeint ist nicht der große Jan Wellem, dessen Reiterstandbild, von Grupello 1711 vollendet, noch heute auf Düsseldorfs Markt steht, sondern einer seiner Nachfahren, der eines Tages, als die Franzosen einmarschierten - der kleine Harry Heine war eben neun Jahre alt-, das Weite suchte. Wie betrüblich die Flucht des Landesvaters empfunden wurde, hat Heine in seinen Erinnerungen festgehalten.»... in der ganzen Stadt war nichts als stumpfe Beklemmung", heißt es im sechsten Kapitel des "Buches Le Grand",« es war überall eine Art Begräbnisstimmung, und die Leute schlichen schweigend nach dem Martke und lasen den langen papiernen Anschlag auf der Türe des Rathauses. Es war ein trübes Wetter, und der dünne Schneider Kilian stand dennoch in seiner Nankingjacke, die er sonst nur im Hause trug, und die blauwollnen Stümpfe hingen ihm herab, daß die nackten Beinchen betrübt hervorguckten, und seine schmalen Lippen bebten, während er das angeschlagene Plakat vor sich hin murmelte. Ein alter pfälzischer Invalide las etwas lauter, und bei manchem Wort träufelte ihm eine klare Träne in den weißen, ehrlichen Schnauzbart. Ich stand neben ihm und weinte mit und frug ihn, warum wir weinten? Und da antwortete er: »er Kurfürst läßt sich bedanken«.. Während wir lasen, wurde das kurfürstliche Wappen vom Rathause heruntergenommen..." Der Bub war erschüttert von diesen Beobachtungen, die er nicht ganz zu begreifen vermochte, er ging weinend nach Hause, er ging am Abend weinend zu Bette, so daß die Mutter ihre liebe Not mit ihm hatte, und tat - deshalb ist diese kleine Episode in unserem Zusammenhang wichtig - einen Traum, so merkwürdig, daß er einem Leser des "Buches Le Grand" in Erinnerung bleiben muß: »n der Nacht« so erzählt Heine, »träumte mir: die Welt habe ein Ende - die schönen Blumengärten und grünen Wiesen wurde wie Teppiche vom Boden aufgenommen und zusammengerollt, der Gassenvogt stieg auf eine hohe Leiter und nahm die Sonne vom Himmel herab, der Schneider Kilian stand dabei und sprach zu sich selber: "Ich muß nach Hause gehn und mich hübsch anziehn, denn ich bin tot und soll noch heute begraben werden"... In unmittelbarer Nähe des Heine-Hauses an der Bolkerstraße, die auf den Marktplatz und das Jan-Wellem-Denkmal zuläuft, in der schmalen Rheinstraße, die den breiten Strom zum Nachbarn hat, wurde am 14. Juni 1884 der Schneider Wibbel-Dichter Hans Müller-Schlösser geboren. Sein Vater war jahrzehntelang zur See gefahren, ehe er hier - anfangs in der genannten, später in der "engen, krummen" Bergerstraße - vor Anker ging. Er hatte von seinen Reisen nicht nur seine Gitarre mit heimgebracht, sondern auch ein vergilbtes Tagebuch, das sein Sohn "Hännes" schon als kleiner Junge durchblättern durfte. Diese Aufzeichnungen, so sagte Müller-Schlösser später, hätten seine Phantasie befruchtet und »mir wohl den ersten Anstoß zu meinem späteren Beruf gegeben« Außerdem hinterließ ihm der Vater, dem er 1919 in dem Roman "Jan Krebsereuter" ein Denkmal setzte, " seinen Humor und seine von nichts kleinzukriegende Heiterkeit". Der Sohn behielt ihn im Gedächtnis als einen gründlichen und andächtigen Zeitungsleser, aber auch als einen Freund des Theaters, das gerade hierorts auf eine ehrenwerte Tradition zurückblicken konnte. In dem ebenfalls am Marktplatz, gleich hinter dem Reiterstandbild des Kurfürsten gelegenen alten Theater hatte Karl Immermann von 1832 bis 1837 mit seinen Musteraufführungen Aufsehen erregt, und der genialische Dramatiker Christian Dietrich Grabbe, den Immermann an sich und sein Haus zu fesseln versucht hatte, schrieb voller Bewunderung über die Düsseldorfer Inszenierungen: »Begierig zu erfahren, wie in dieser Mittelstadt ein Theater entstand, welches als eine Musteranstalt gelten kann, forscht’ ich nach Mitteln, wodurch dies möglich geworden. Ich fand zwei: Geist und kräftigen Willen«. Freilich, diese große Zeit war längst vorbei, aber immerhin: Das Theater spielte in der Stadt Heines und Immermanns noch eine wichtige Rolle; der theaterfreudige Seemann Müller nahm seinen kleinen Hännes früh mit in die Oper, und dieser geriet, wie er in den "Bildchen aus der Altstadt" von 1914 gestand, schon als Knirps in den Bann des Theaterspielens. Am liebsten zog er sich unter ein altes wackliges Empirekomödchen zurück, um seiner Imagination freien Lauf zu lassen: "Die vier dünnen Beinchen des Konsölchens begrenzten mein Theater. Ein rotes, gelb getüpfeltes Sacktuch meines Vaters war der prächtigste Vorhang. Ich war Darsteller und Publikum in einer Person. Ich saß unter dem Konsölchen, zog die Beine an und duckte den Kopf in die Schultern. Dann machte ich mit dem Mund »lingelingeling«, zog die zwei Stecknadeln, mit denen das rote Sacktuch gehalten wurde, aus dem Holz, der Vorhang fiel herab, und die Vorstellung begann". Aus diesem von der Atmosphäre der Vaterstadt angeregten Kinderspiel wurde bald Ernst. Hännes tat sich zum Theaterspielen mit einigen gleichaltrigen Schulkameraden zusammen, die später genauso bekannt werden sollten wie er selbst - zwei als Schauspieler, ein dritter als Autor. Die beiden Mimen hießen Paul Henckels und Peter Esser, der Schriftsteller Heinrich Spoerl. Mit neunzehn Jahren brachte Müller-Schlösser mit ihnen als Regisseur einer Schüleraufführung seinen Schwank "Sekundarliebe" zur Uraufführung. Und als er schon begonnen hatte, für die Sonntagsbeilage der Düsseldorfer Neuesten Nachrichten "Geschichtchen aus der Altstadt" zu schreiben - Schnurren und Anekdoten, die "ich mir aus dem Kopf geholt habe" und die er ein zweites Mal gesammelt 1905 und 1909 in zwei Bänden veröffentlichte-, gründete er gemeinsam mit den Schulfreunden das »Niederheinische Schauspiel-Ensemble«, das spielend durch das Land zog, natürlich vorwiegend mit Schwänken des einfallsreichen Hans Müller-Schlösser. Dann kam das Jahr 1905, das Düsseldorfs Theaterleben abermals wie zu Immermanns Zeiten durch eine starke Künstlerpersönlichkeit neuen Aufschwung brachte: durch Luise Dumont, die gemeinsam mit ihrem Manne Gustav Lindemann hier, und nicht in Weimar, wie ursprünglich geplant, ihr bald berühmt gewordenes Schauspielhaus ins Leben rief. Zu ihr drängten bald schon die ehrgeizigen jungen Theaterfreunde. Henckels, der bei seiner Mutter Schauspielunterricht genommen und vorübergehend in Krefeld ein erstes Engagement gehabt hatte, landete unverzüglich bei der Dumont, die ihn für »jugendlich-komische Rollen« verpflichtete. Peter Esser machte zuvor noch seinen Doctor juris, ehe er - und das für viele Jahrzehnte - eine der Säulen der Dumont-Bühne wurde. Bloß Hans Müller-Schlösser, der sich ebenfalls von der bewunderten Theaterchefin prüfen ließ, hatte weniger Glück. Sie riet ihm, sich nicht der Schauspielkunst, sondern der heiteren Muse der Komödie zu widmen, und der junge Mann tat, wie ihm geraten. Im Winter 1910/11 stieg er erstmals zum Dramaturgen des Düsseldorfer Schauspielhauses hinaus - es war um diese Zeit der Dichter Herbert Eulenberg - und überreichte ihm das Manuskript seines Schwanks "Die Herzverfettung", der allerdings keine Gnade vor den Augen des Prüfers hatte. Im Winter 1912 trat er denselben Weg noch einmal an, jetzt das Manuskript des "Schneider Wibbel" unter dem Arm. Auf dem Dramaturgenstuhl saß nun Dr. Berthold, der das Stück tatsächlich annahm. Die Direktion jedoch war weniger zuversichtlich und legte den Tag der Uraufführung vorsorglich in den Hochsommer - auf den 14. Juli 1913, denn (so kommentierte später der Autor) » die Uraufführung eines Stückes von literarischem Wert versparte man bis zum Winter, wo das »richtige« Theaterpublikum wieder ins Schauspielhaus kam, die anspruchsvollen und kritikfähigen Serienkarteninhaber«, hingegen riskierte man einen vermutlichen Durchfall lieber im Sommer. In seinen locker hingeplauderten, völlig unsystematisch angelegten Theatererinnerungen "Tinte und Schminke" (Düsseldorf 1956) hat der Autor ein Menschenalter später eingestanden, daß er die Handlung der Komödie nicht frei erfunden habe, sondern daß ihr eine alte Anekdote zugrunde liege, die ihm ein Berliner Maler in Hans Seyppels Düsseldorfer Atelier am Wehrhahn erzählt habe: "Zur Zeit der Regierung des Königs Friedrich Wilhelm IV. lebte in Berlin ein Bäckermeister, der eines Tages, als er Kümmel gekippt hatte, als es seinem Temperament zuträglich war, mit einem Zunftgenossen in Streit geriet. Und schließlich, in Hitze und Wut, ergriff er ein Brotmesser und stach den Gegner in die Seite. Diese Übeltat sollte der Bäcker mit einigen Wochen Gefängnis büßen. Das wollte er aber nicht, er überredete seinen Gesellen mit Geld und guten Worten, an seiner Statt und mit seinen Papieren ins Gefängnis zu gehen. Das tat der Gesell auch, starb aber im Gefängnis, und nun war der Bäckermeister amtlich tot, weil es ja in seinen Papieren stand. Die Sache kam natürlich nach einiger Zeit heraus und gelangte schließlich zu den Ohren des Königs, der doch so viel Sinn für die Tragikomik des Falles hatte, daß er den Bäckermeister begnadigte". Dies ist die Anekdote im Wortlaut Müller-Schlössers. Sie ist amüsant, aber es fehlt ihr Entscheidendes, das der Autor bei seiner Dramatisierung aus Eigenem hinzutat. Zunächst einmal: Er machte aus dem Messerstecher, der sich in einer Komödie niemals gut ausnimmt, einen politischen Krakeeler, der sich überdies nicht mit seinesgleichen, sondern mit der fremden Besatzungsmacht im Lande anlegt. Dadurch ist diesem beim Zuschauer von vornherein größere Sympathie gewiß. Sodann: der Autor verlegte die Geschichte von Berlin, das ihm weniger entsprach, in das ihm bestens vertraute rheinische Milieu. Er konnte sich nun der Mundart bedienen, die er bereits in seiner ersten Versdichtung "Et feine Gebräu" (1911), wie auch in den Dialogen seiner Altstadtgeschichten verwendet hatte, er konnte das Milieu mit dem Saft lebenszuversichtlicher, rheinischer Unbekümmertheit anreichern, und er konnte für seine Figuren jene zum Vorbild wählen, die er von Angesicht zu Angesicht kannte: » Alle die kleinen, verschrobenen, schrulligen, pfiffigen und närrischen Menschen, alle die seltsamen Herrgottskostgänger, wie sie mit ihren Besonderheiten, ihrem Phlegma und ihrer heiteren Einstellung zum Leben bei uns am Niederrhein wachsen.« Noch wichtiger aber: Er machte aus dem Bäckermeister einen Schneider. Dazu mag ihn das eine oder andere der Grimmschen Märchen bewogen haben, in denen ja des öfteren ebenso federleichte wie großsprecherische Schneiderlein höchst komisch agieren. Vor allem aber dürfte ihn dazu der zitierte Passus aus Heines "Buch Le Grand" inspiriert haben, dem er nicht nur das Kolorit der Franzosenzeit am Rhein mitsamt dem Einzug Napoleons verdankte, sondern auch den » dünnen Schneider Kilian«, der zu sich selber sprach: » Ich muß nach Hause gehn und mich hübsch anziehn, denn ich bin tot und soll noch heute begraben werden.« Müller-Schlösser hat zugegeben, schon als Gymnasiast das "Buch Le Grand" » öfters gelesen« zu haben, meinte jedoch im Alter, daß er die Gestalt von Heines Schneider Kilian, wenn überhaupt, dann nur unbewußt als Vorbild benutzt habe. Wie dem auch sei - der Grundeinfall des "Schneider Wibbel", angesiedelt zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, findet sich bereits bei Heine: der Held wird Zeuge seines eigenen Begräbnisses. Überraschenderweise hat sich der wirkungsvolle Schluß des vorletzten Aktes erst bei den Proben vor der Uraufführung ergeben. Paul Henckels, Spielleiter und Hauptdarsteller in einer Person, hatte plötzlich das Empfinden, der im Bühnenhandwerk noch unerfahrene Autor habe seiner Rolle eine entscheidende Pointe vorenthalten. »Hännes«, sagte er zu Müller-Schlösser, »das ist nix mit dem vierten Bild. So geht das nicht. Das hat keinen richtigen Aktschluß. Weißt du was? Wenn die Trauergäste weg sind, komme ich noch mal heraus.« »Du bist geck!« antwortete der Autor. » Wie kannst du das denn? Du bist doch tot!« Aber Henckels ließ nicht locker: »Ja, eben deshalb! Ich komme noch mal raus als Leiche. Also los, Hännes! Schreib noch was Nettes. Aber jetzt gleich!« Müller-Schlösser dachte nach, halb widerstrebend, halb zustimmend, lief ins Foyer und »schrieb in zehn Minuten die Schlußszene des vierten Bildes, die stärkste des ganzen Stückes«. Der Schneider Wibbel kam beim sommerlichen Premierenpublikum in Düsseldorf an. Im ersten Monat nach der Uraufführung erlebte er schon seine 25. Aufführung; Gustav Lindemann, vorher skeptisch, nannte ihn nun »unser Goldstück«. Bonn und Köln spielten die Komödie unverzüglich nach, dann faßte sie auch auf nicht-rheinischen Bühnen Fuß, sie zog nach Hannover und Berlin, später auch ins Ausland, nach Rußland wie nach Israel, sie wurde mehrfach verfilmt, wurde zum Hörspiel, zum Roman, und der Komponist Mark Lothar machte sogar eine Oper daraus, die 1936 in Berlin uraufgeführt wurde. Paul Henckels blieb zeitlebens der berühmteste Wibbel-Darsteller, er hat die Rolle mehr als tausendmal gespielt. Der Kölner Komiker Ludwig Schmitz, der sie nach der Kölner Premiere gleich hundertfünfzigmal verkörperte, ist durch den Wibbel erst populär geworden. Auch er erreichte als Wibbel eine vierstellige Aufführungsziffer. Und Hans Müller-Schlösser, dessen Leidenschaft zum Theaterspielen bis ins Alter nicht nachließ, hat seinen Schneidermeister selbst an die achthundertmal dargestellt, wiewohl er, von kleiner, schmächtiger Statur, einen völlig anderen Typ als Henckels abgab, aber er vermochte sich so sehr mit der Figur zu identifizieren, daß man auch ihm immer wieder den »Wibbel« abnahm. Sogar anläßlich seines siebzigsten Geburtstags hat er 1954 in Düsseldorf noch einmal die Rolle seines Lebens gespielt. Die Komödie ist auf gleicher Ebene und mit gleicher Wahrhaftigkeit rheinisch, wie Niebergalls "Datterich" hessisch und wie Ludwig Thomas Bühnenstücke bayerisch sind. Bewunderungswert der haargenau hintreffende Dialog, die elastische Schlankheit der fünf Akte, die folgerichtige Charakteristik der Figuren. Wibbel ist alles andere als ein Held, er ist ein Hasenfuß. Bloß weil er sich, durchgefroren und verärgert, ein paar Gläschen zu viel genehmigt und Mut antrinkt, wagt sich der »fürwitznäsige Hippebart« überhaupt aus sich heraus. Und auch, daß er überhaupt trinkt, ist motiviert: Zwei Stunden hat er für den einziehenden Franzosenkaiser den »Hoppeditz« machen müssen, und sein Schützenhauptmann hat überdies die Vereinsfahnen mißbraucht. Kein Wunder also, daß Wibbel lospoltert und ein Spottlied auf den »Amprör« anstimmen läßt. Wieder nüchtern geworden, erschrickt er über sich selbst, er wird kleinlaut, betreten, verzagt und wüßte nicht ein noch aus, hätte ihm der Autor nicht die »kuraschierte« Fin zur Seite gegeben. Sie, ein echt rheinisches Weibsbild, hat Mutterwitz und Einfälle, sie weiß im rechten Augenblick immer ein Schrittchen weiter, allerdings auch nicht mehr, denn sie ist schlau, aber nicht klug, sie hat Ausreden, aber keine Konzeption und manövriert ihren Wibbel in immer neue komische Peinlichkeiten hinein und auch wieder heraus. Ihr Einfall ist es auch, den verstorbenen Meister als Wibbels Bruder zurückkehren zu lassen und ein zweites Mal zu heiraten - womit die Komödie ein versöhnliches und auf den ersten Blick befriedigendes Ende bekommt. Erst viel später kam es dem Dichter, daß auch dies nur eine Scheinlösung ist, die auf wackeligen Füßen steht, und er schrieb 1926 als Fortsetzung die Komödie "Wibbels Auferstehung": Der um die begehrte Ehe mit der Meisterin betrogene Geselle Mölfes, dem die Sache von Anfang an verdächtig war - sowohl die plötzliche Kündigung des lungenkranken Zimpel als auch Fins überstürzte Verehelichung mit dem »Schwager«-, läßt Wibbels Bruder Jean-Baptiste aus Hamburg kommen und als Kronzeugen aufmarschieren. Jetzt, wo Fins Betrug nicht mehr zu verschleiern ist und das dicke Ende für den ängstlichen Wibbel greifbar nahe rückt, ist es abermals eine »historisch große Stunde«, die für ihn die Wende bringt. Wie mit Napoleons Einmarsch sein eigenes Unglück begonnen hat, so jetzt mit dem Abzug des geschlagenen Franzosenkaisers sein Glück: die französischen Büttel verschwinden aus der Stadt, und der fürwitzige Wibbel wird wieder, der er war. Mehr noch: er wird sogar als Franzosenfeind, als Volksheld gepriesen, und jeder, der seine Story mitangesehen hat, muß nachdenklich darüber schmunzeln, wie leicht man hierzulande etwas gelten kann, wenn man bloß »nationale Belange« ins Spiel bringt. Mit "Wibbels Auferstehung" (die übrigens in das Libretto von Mark Lothars Oper miteinbezogen wurde) erging es Hans Müller-Schlösser ähnlich wie Gerhart Hauptmann mit dem "Roten Hahn", der den "Biberpelz" weiterführte: der ganz große Erfolg des ersten Werkes wiederholte sich nicht. Aber der Autor tat damit auch keinen Mißgriff: Paul Henckels spielte "Wibbels Auferstehung" allein an der Berliner Volksbühne einhundertfünfzigmal, von den Aufführungen in der rheinischen Heimat des Autors gar nicht zu reden. Trotzdem, und obwohl er im Laufe von vier Jahrzehnten ein gutes Dutzend weiterer Komödien und Schwänke auf die Bühne brachte - darunter "Der Glückskandidat", nach dem "Wibbel" seine meistgespielte Komödie, in der bei der Düsseldorfer Uraufführung abermals Paul Henckels und hernach in Dresden Erich Ponto brillierten, sodann "Eau de Cologne", "Das Loch in der Hecke", "Der Rangierbahnhof", "Der Barbier von Pempelfort", "Um Kopf und Kragen" und "Der Schutzmann"-, ist der Name Hans Müller-Schlösser in der deuten Literatur- und Theatergeschichte nur durch den "Schneider Wibbel" gegenwärtig geblieben. Alle anderen Stücke, wiewohl sie zur ihrer Zeit Zugang zu vielen deutschen Bühnen fanden und sooft auch der spielfreudige Autor selbst Rollen darin verkörpert hat, sind mehr oder weniger eingeengt durch den Begriff »Lokalposse«, der "Wibbel" aber, trotz unverkennbar rheinischer Provenienz, bedeutet mehr. Er zählt zum deutschen Lustspielbestand. Wie sein Schneidermeister war auch Hans Müller-Schlösser ein Düsseldorfer Original. Er blieb zeitlebens in seiner Vaterstadt ansässig, zuerst in der Altstadt, später am Golzheimer Platz, die letzten Jahre im Vorort Kaiserswerth, wo unmittelbar am Rheindamm auch der Dichter Herbert Eulenberg sein Haus besaß. Er war stadtbekannt und beliebt, in vielen Familien lachte man über seine Mäuzkes, über seinen indiskret lustigen Roman "Hopsa der Floh" oder über seine anspruchslosen "Vertellchen" in der Lokalpresse. Und man wußte und schätzte, wie sehr dieser kleine unscheinbare Mann in seinen eigenen Rollen die Bühne auszufüllen vermochte. In seinem Todesjahr - er starb am 21. März 1956 - brachte er seine bereits erwähnten Theatererinnerungen "Tinte und Schminke" heraus. Darin schrieb der sich alt und verbraucht fühlende Dichter: »... aber einer ist jung geblieben: das frühgeborene Kind meiner Muse, »Schneider Wibbel«. Er wird mich wohl überleben.« Diese Vermutung steht längst außer Zweifel.

Nachwort von Karl Ude zur Reclam-Ausgabe von Hans Müller-Schlössers "Schneider Wibbel"

Aber, Herr Bürgermeister   5D 14H

Fleutjepiepen   Björndahl, Maarten 3D 11H 1Dek Niederdeutsch

Das Geschenk des Himmels   7D 10H

Der gestiefelte Kater   Grimm, Jacob und Wilhelm 1D 8H 4Dek

Der Glückskandidat   3D 11H 2Dek

Die Laus im Pelz   4D 14H

Das Loch in der Hecke   2D 4H

De plietsche Sniedermeister   Siegmund, Günther 2D 8H 1Dek Niederdeutsch

Rangierbahnhof   2D 15H

Schneider Wibbel   3D 13H 3Dek

Schneider Wibbel   Schuh, Oscar Fritz 2D 7H 1Dek

Der Schutzmann   2D 5H

Der Sündenbock   5D 14H

Tausend Dollars   5D 8H

Um Kopf und Kragen   2D 14H

Wenn es der Teufel will   4D 8H

Wibbels Auferstehung   4D 15H

Eine seit Jahren bewährte Variante des Märchens liegt in der Bearbeitung von Hans Müller-Schlösser vor. ... Im letzten Frühjahr „begeisterte“ die Spielschar Materborn aus Kleve damit „viele große und kleine Zuschauer“ (Niederrhein Nachrichten; 01.03.2014). Der gestiefelte Kater , Märchen und Kinderstücke 2015 09.02.2015

Diese sehr gut spielbare Fassung des bekannten Märchens bleibt eng am Original und richtet sich vor allem an ein junges Publikum. Die Kinder werden immer wieder ins Geschehen mit einbezogen und können eintauchen in eine liebevolle, fröhliche Märchenwelt. Jüngst „begeisterte“ die Spielschar Materborn aus Kleve damit „viele große und kleine Zuschauer“ (Niederrhein Nachrichten; 01.03.2014). Auf der Waldbühne Heldritt konnte man das märchenhafte Treiben bereits unter freiem Himmel bestaunen. – Etwas für alle, die es bei Märchenproduktionen klassisch und gemütlich mögen. Der gestiefelte Kater , Theater unter freiem Himmel 03.09.2014